Für Fachkräfte

KOMPASS für Fachkräfte

Wie gut die Prinzipien hinter den drei Bauteilen belegt sind, wo die Belege dünn sind und wo wir keine gefunden haben: Diese Seite sammelt die fachliche Einordnung des KOMPASS-Systems an einem Ort.

Das System selbst wird auf der KOMPASS-Seite vorgeführt. Hier steht, worauf es sich beruft.

Worauf wir uns berufen

Der KOMPASS ist gemeinsam mit Ergotherapeutinnen und Pädagoginnen entstanden, und Praxen arbeiten damit. Trotzdem, oder gerade deshalb, steht hier offen, worauf sich das System beruft: wie gut die einzelnen Prinzipien belegt sind, wo die Belege dünn sind und wo wir keine gefunden haben. Wer nur die starken Stellen nennt, gibt keine Einordnung ab.

Belegt sind Prinzipien. Ein Produkt, das ein belegtes Prinzip aufgreift, erbt dessen Belege nicht.

Woran wir uns orientiert haben

Visuelle Ablaufpläne gelten in der Autismus-Förderforschung als evidenzbasierte Praxis (Knight, Sartini und Spriggs 2015). Der KOMPASS setzt dieses Prinzip um. Er selbst wurde nicht in Studien untersucht.

Diese Trennung ziehen wir auf der ganzen Seite konsequent durch, und sie ist der Grund, warum hier nirgends steht, der KOMPASS sei wissenschaftlich belegt.

Der Gedanke dahinter heißt in der Fachsprache Externalisierung am Handlungsort: die Information dort hinhängen, wo gehandelt wird, und in dem Moment, in dem gehandelt wird. Und er ist antezedenz-basiert, das heißt, es wird vorher etwas geändert, damit die schwierige Situation gar nicht erst entsteht. Das ist etwas anderes, als auf einen Streit zu reagieren, der schon läuft.

Die Beleglage, Bauteil für Bauteil

Hier steht, wie gut die einzelnen Prinzipien belegt sind, die der KOMPASS aufgreift, auch dort, wo die Belege schwach sind. Am besten belegt ist das Prinzip hinter den Karten. Am schwächsten das hinter den Lichtern, also ausgerechnet hinter dem Bauteil, das am meisten Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wer diese Seite fachlich prüft, soll das hier lesen und nicht selbst herausfinden müssen.

  • Visuelle Ablaufpläne

    Gut belegt

    Bauteil: Routinekarten

    Knight, Sartini und Spriggs (2015), Journal of Autism and Developmental Disorders 45(1), Seite 157 bis 178. 16 Studien ausreichender Qualität. Die Autor:innen stufen visuelle Ablaufpläne als evidenzbasierte Praxis ein.

  • Visuelle Strukturierungshilfen allgemein

    Gut belegt

    Bauteil: Alle drei Bauteile

    NCAEP 2020 und AFIRM: 104 Einzelfallstudien, aber nur 2 Gruppendesigns. Die Breite kommt aus Einzelfällen, nicht aus großen Vergleichsgruppen.

  • Antezedenz-basierte Strategien

    Gut belegt

    Bauteil: Magnetwand und Karten

    47 Einzelfallstudien, 2 Gruppendesignstudien.

  • Aufgabenanalyse und Verkettung

    Gut belegt

    Bauteil: Die Kartensequenz

    13 Einzelfallstudien, ab einem Alter von 3 Jahren.

  • Physische Strukturierung nach TEACCH

    Mittlere Evidenz

    Bauteil: Magnetwand

    Plausibel und breit angewandt, aber schwächer untersucht als die Ablaufpläne selbst.

  • Arbeitssystem, das TEACCH work system

    Dünne Belege

    Bauteil: Routinen-Lichter

    Kliemann (2014) wörtlich: „lack the evidence-base to be considered an effective or promising practice“. Das ist die schwächste Stelle im System, und sie betrifft das Bauteil, das am meisten Aufmerksamkeit bekommt.

  • Selbstmanagement und Selbstbeobachtung

    Dünne Belege

    Bauteil: Routinen-Lichter

    10 Einzelfallstudien.

  • Zeitverarbeitungsdefizite bei ADHS, das Phänomen

    Gut belegt

    Bauteil: Der Kontext, kein Bauteil

    Zheng et al. 2022, 27 Studien. Gut belegt ist hier das Phänomen, dass Zeit anders verarbeitet wird. Nicht belegt ist damit, dass ein Zeithilfsmittel daran etwas ändert.

  • Zeithilfen als Intervention

    Dünne Belege

    Bauteil: Timer und Ampel

    Genau eine randomisierte kontrollierte Studie: Wennberg et al. 2017, 38 Teilnehmende, Alter 9 bis 15, multimodal mit Coach, kleine Effekte. Aus einer einzelnen Studie an älteren Kindern mit Begleitung lässt sich für jüngere Kinder ohne Begleitung nichts ableiten.

  • Ampelfarben für die Restzeit

    Keine Belege gefunden

    Bauteil: Timer

    Wir haben dazu keine Evidenz gefunden. Die Ampellogik nennen wir deshalb als Gestaltungsbegründung, nie als Wirknachweis.

  • Reizarme Gestaltung

    Mittlere Evidenz

    Bauteil: Wandlayout

    Ein gutes Experiment: Fisher, Godwin und Seltman (2014), Psychological Science 25(7). In der stark dekorierten Umgebung lag die Off-Task-Zeit bei 39 Prozent, in der reizarmen bei 28 Prozent.

  • Elternvermittelte Umsetzung

    Gut belegt

    Bauteil: Das Gesamtsystem

    27 Einzelfallstudien, 32 Gruppendesignstudien. Dass Eltern solche Verfahren zu Hause umsetzen können, ist gut untersucht.

  • Das Produkt KOMPASS selbst

    Keine Belege gefunden

    Bauteil: Das fertige System

    Keine Studie. Keine Pilotdaten. Der KOMPASS ist nicht untersucht worden, weder von uns noch von Dritten.

Ein Hinweis zur Einordnung der Zahlen: Ein großer Teil dieser Belege stammt aus Einzelfallstudien. Die sind in der Förderforschung üblich und aussagekräftig, sie sind aber etwas anderes als große kontrollierte Vergleichsstudien. Wo nur Einzelfälle vorliegen, schreiben wir das dazu.

Warum das kein Belohnungssystem ist

Viele Fachkräfte sind gegenüber Sternchenplänen skeptisch, und das aus guten Gründen. Deshalb dieser Abschnitt in aller Deutlichkeit: Die Routinen-Lichter funktionieren anders herum als ein Token-System.

Ein Token-System

  • vergibt etwas nach dem Verhalten, abhängig vom Verhalten
  • die gesammelten Token werden später gegen eine Belohnung eingetauscht
  • es gibt eine Zielmenge, die erreicht werden soll
  • häufig gibt es Punktabzug bei Fehlverhalten, den sogenannten Response Cost
  • eine erwachsene Person entscheidet, ob etwas zählt. Sie ist die Bewertungsinstanz

Das Routinen-Licht

  • steht vor der Handlung und zeigt an: diese Aufgabe ist noch offen
  • fachlich ist es ein antezedenter, diskriminativer Reiz, also ein Signal davor, keine Folge danach
  • das Ausdrücken erzeugt eine Zustandsanzeige. Das ist Selbstbeobachtung und Fortschrittsrückmeldung
  • kein Eintausch, keine Zielmenge, kein Punktabzug, keine Bewertung
  • ein Licht, das brennen bleibt, ist kein Fehlschlag. Es gibt keinen Zustand, den ein Kind falsch herstellen kann

Was wir dazusagen

Das Licht bewertet nicht, es zeigt an. Dass sich das Ausdrücken gut anfühlt, ist ein Nebeneffekt und nicht der Mechanismus. Wir behaupten nicht, dass dieser Nebeneffekt keine Rolle spielt. Wir behaupten nur nicht, dass er die Wirkung erklärt.

Die eine Sache, die das System kippen lässt

Sobald Erwachsene das Licht zum Druckmittel machen, etwa mit „schau mal, dein Licht brennt noch“, wird es zu einem Bewertungssystem. Das passiert unabhängig davon, wie das Produkt gestaltet ist. Kein Design kann das verhindern, nur die Anwendung.

Fragen aus der Praxis

Was Sie vermutlich wissen wollen, bevor Sie das System in einer Beratung erwähnen. Ohne Umwege und ohne dass Sie danach suchen müssen.

Symbolverständnis statt Altersangabe

Die übliche Hierarchie lautet: Gegenstand, Foto, Strichzeichnung, Piktogramm, Schriftwort. Die Routinekarten liegen auf der Stufe Strichzeichnung bis Piktogramm. Kinder, die dort noch nicht sind, brauchen davor Fotos oder reale Gegenstände.

Was das System nicht voraussetzt: Lesen, Sprechen, Uhrzeit. Eine Altersangabe geben wir bewusst nicht an, weil sie beim Symbolverständnis regelmäßig in die Irre führt.

Verweigerung ist eine Information

Die erste Frage bei Ablehnung ist, ob sie dem System gilt oder der Anforderung dahinter. Ein Kind, das die Karte wegdreht, sagt häufig etwas über die Aufgabe, nicht über die Karte.

Klar gesagt: Der KOMPASS ist kein Compliance-Werkzeug. Wird er zum Streitgegenstand, nimmt man ihn weg, statt ihn durchzusetzen. Ein Strukturierungshilfsmittel, um das gestritten wird, hat seine Funktion bereits verloren.

Generalisierung und Aufrechterhaltung

Effekte von Umgebungsanpassungen verschwinden häufig, wenn die Anpassung endet. Wir halten das nicht für eine Schwäche, sondern für die Natur einer Umgebungshilfe, vergleichbar mit einer Brille: Niemand erwartet, dass Sehen ohne sie besser wird.

Praktisch heißt das: Übertrag auf andere Orte und das Beibehalten über die Zeit muss mitgeplant werden, sonst passiert es meist nicht.

Barrierefreiheit

  • Farbe darf nie der einzige Informationsträger sein. Offen und erledigt unterscheiden sich hier über die Helligkeit, nicht allein über den Farbton. Rot-Grün-Schwäche ist bei Jungen häufig, und die Zielgruppe ist jungenlastig.
  • Erreichbarkeit und Kraftaufwand entscheiden bei eingeschränkter Feinmotorik über die Nutzbarkeit: auf welcher Höhe die Wand hängt, wie viel Kraft das Lösen einer Karte verlangt, wie fest ein Licht gedrückt werden muss. Das lässt sich am Produkt beurteilen, nicht aus einer Beschreibung.
  • Die Lichter lassen sich dimmen. Für lichtempfindliche Kinder und für den Schlafraum ist das der entscheidende Punkt.
  • Wie viele Karten gleichzeitig sichtbar hängen, entscheidet ihr. Je weniger im Sichtfeld steht, desto eher fällt das Wichtige auf.

Erstattung, Verordnung, Hilfsmittelnummer

Drei Fragen, drei kurze Antworten, damit Sie nicht danach suchen müssen:

Ist das ein Hilfsmittel im Sinne der Richtlinie?
Nein.
Gibt es eine Hilfsmittelnummer?
Nein.
Kann ich das verordnen?
Nein.

Der KOMPASS ist ein frei verkäufliches Alltagsprodukt. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist nicht vorgesehen, und wir stellen keine Bescheinigungen aus, die etwas anderes nahelegen.

Wie der KOMPASS einzuordnen ist

Damit niemand danach suchen muss, in fünf Zeilen:

  • Kein Medizinprodukt
  • Kein Heilmittel
  • Keine Diagnostik
  • Kein Therapieersatz
  • Keine eigenen Wirksamkeitsstudien

Kurzes Glossar

Die Fachbegriffe des Systems, gesammelt zum Nachschlagen.

Antezedenz-basierte Strategie
Etwas vorher ändern, damit die schwierige Situation gar nicht erst entsteht. Nicht auf den Streit reagieren, sondern die Lage davor umbauen.
Visueller Ablaufplan
Eine Folge von Bildern, die einen Ablauf in einzelne Schritte zerlegt und sie in der richtigen Reihenfolge zeigt.
Arbeitssystem
Eine Anzeige, die vier Fragen beantwortet: was ist zu tun, wie viel, wann bin ich fertig, was kommt danach.
Exekutive Funktionen
Die Fähigkeiten, mit denen man anfängt, dranbleibt und den Faden nicht verliert.
Externalisierung am Handlungsort
Die Information dort hinhängen, wo gehandelt wird, und in dem Moment, in dem gehandelt wird. Nicht im Kopf behalten müssen.
Zeitverarbeitung, populär „time blindness“
Nicht spüren, wie lange etwas dauert. „Time blindness“ ist ein populärer Begriff, keine Diagnose und kein diagnostisches Kriterium.
Verkettung und Rückwärtsverkettung
Einen Ablauf Schritt für Schritt aufbauen. Bei der Rückwärtsverkettung fängt man mit dem letzten Schritt an, weil der das Erfolgserlebnis trägt.
Prompt-Fading
Die Hilfestellung nach und nach zurücknehmen, damit sie nicht dauerhaft gebraucht wird.
Generalisierung und Carryover
Ob etwas auch an einem anderen Ort funktioniert, und ob es über die Zeit erhalten bleibt.
Diskriminativer Reiz
Ein Signal, das vor einer Handlung anzeigt, dass jetzt etwas ansteht. Es bewertet nicht, es kündigt an.

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