Familienalltag
Kinder werden viel zu oft bestraft
Beitrag
Dr. Anke Elisabeth Ballmann · 28. August 2026 · 6 Min. Lesezeit

Bei viel zu vielen Eltern und in viel zu vielen pädagogischen Einrichtungen ist der aktuelle Erziehungsstil darauf angelegt, Kinder einem künstlich erschaffenen, oft willkürlichen Regelsystem auszusetzen und sie dafür zu bestrafen, wenn sie die Regeln der Erwachsenen brechen. Heute heißt es natürlich nicht mehr „Strafe", sondern „Konsequenz", doch das Ergebnis ist identisch. Kinder werden viel zu oft bestraft. In meiner Arbeit habe ich Kitas erlebt, in denen Kinder zur Strafe allein in einem abgedunkelten Raum sitzen mussten, und in der Schule hat Nachsitzen noch immer Konjunktur.
Gesellschaftlich sind Demütigungen und emotionale Erpressungen weitgehend akzeptiert. Dabei ist in Deutschland seit dem Jahr 2000 gesetzlich verankert, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben und entwürdigende Maßnahmen unzulässig sind (§ 1631 Abs. 2 BGB).
Es ist zwar nicht legal, aber normal, dass die Urängste von Kindern ausgenutzt werden, um artige und angepasste Menschen aus ihnen zu machen. Und das als alltäglich gelebte Realität.
In den meisten erziehenden Köpfen herrscht auch heute noch die Überzeugung vor: Man muss Kindern Grenzen setzen! An diesem Credo hat bis auf einige kleine experimentierfreudige Gruppen in den 1970er und 1980er Jahren bislang noch keine Generation wirklich gerüttelt. Allerdings regt sich seit etwa zehn Jahren Widerstand, der zunehmend auch von der Forschung unterstützt wird. Die stetig steigende Anzahl bindungsorientierter Eltern zeigt, dass ein Leben mit Kindern gewaltfrei oder zumindest gewaltbewusst hervorragend funktionieren kann. Diese Eltern nehmen ihre Kinder ernst, sie interessieren sich für sie, sie beziehen sie in Entscheidungen mit ein, sie sind empathisch mit ihren Kindern – nicht immer, aber überwiegend. Das bedeutet nicht, dass den Kindern jeder Wunsch erfüllt wird, aber ihre Bedürfnisse werden respektiert. Das bedeutet selbstverständlich auch nicht, dass es keine Grenzen gibt, doch sind es keine willkürlichen Grenzen, sondern durchdachte.
Highlight
Schutzgrenzen und Empathiegrenzen
Kinder sind keine Inseln und ihre Grenzen sind dort, wo sie Schutz brauchen oder an die Grenzen anderer Lebewesen kommen.
Schutzgrenze – schützt das Kind selbst: vor Gefahr, vor Überforderung, vor Erschöpfung.
Empathiegrenze – schützt andere: Menschen, Tiere, gemeinsame Dinge.
Es ist tausendfach belegt, dass Beschämung, körperliche Strafen und emotionale Nichtverfügbarkeit als eine Form von Konsequenz dramatische Auswirkungen haben.
Wenn ich einem Kind vermittle, dass meine Liebe zu ihm an Bedingungen geknüpft ist, dann konditioniere ich es und mache eine Marionette aus ihm. Kinder kooperieren und tun fast alles, um Liebe und Aufmerksamkeit zu bekommen, sie schaden sich oft selbst, nur damit sie beachtet werden, und sie verleugnen ihre Bedürfnisse, damit sie geliebt werden. All das ist fatal, denn Marionetten können nicht irgendwann ganz plötzlich von alleine laufen und ein verantwortungsvolles Leben führen. Das gilt auch für entsprechend konditionierte Kinder.
Kinder lernen, wenn sie bestraft werden, dass sie nur richtig sind, wenn sie das machen, was andere von ihnen wollen. Sie erfahren auch, dass ihre Gefühle falsch sind, denn Wut, Trauer und Zorn werden sanktioniert, also darf man sie nicht haben. Sie sind aber da, und sie verschwinden nicht, nur weil man sie bei „angepassten" Kindern nicht sieht. Im Gegenteil, sie verstecken sich, wachsen heimlich weiter, können dann zwanzig Jahre später leise oder auch laut zum Vorschein kommen. Sie haben dann Namen wie Depression, Burnout, Traumafolgestörung und Phobie. Und genau hier liegt das große Risiko von Machtmissbrauch, selbst wenn er mit den besten Absichten, also als erzieherische Maßnahme, daherkommt.
Nur nachgeben ist auch nicht richtig
Ebenso falsch ist es natürlich, Kindern jeden Wunsch zu erfüllen. Dahinter können unterschiedliche Motive stecken, etwa ein schlechtes Gewissen, weil man als Elternteil zu viel arbeitet, oder ein übersteigerter Perfektionsanspruch, wenn Eltern nur ja keine Fehler machen wollen. Doch Kindern alles abzunehmen und zu ermöglichen, schränkt sie massiv in ihrer Selbstentfaltung ein. Um zu lernen, brauchen Kinder soziale Eingebundenheit, Freiräume, Räume im Freien und Herausforderungen. Wenn Kinder ihre Fähigkeiten nicht austesten können, nimmt man ihnen die innere Motivation, Herausforderungen selbst anzugehen und zu meistern, sodass sie kein Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln können. Genau diese so bedeutsamen Erfahrungen für Kinder sind es, die sie stark und im Alltag kompetent machen.
Die wichtigsten Faktoren für eine gewaltfreiere Welt sind Selbstreflexion der Eltern und ein empathischer, respektvoller Umgang in der Familie.
Starre Regeln und Haltungen wie „Wenn mein Kind das macht, reagiere ich immer so" suggerieren zwar die viel gelobte Konsequenz, aber sie engen die Handlungsspielräume ein. Kindliches Verhalten ist selten stereotyp, sondern entsteht aus dem Moment heraus. Je flexibler Eltern und Pädagogen darauf reagieren, umso mehr Raum bleibt für Empathie und dafür, gemeinsam Lösungen zu finden.
Viele Eltern setzen sich selbst unter Druck, wenn sie immer für ihre Kinder verfügbar, durchschaubar und berechenbar sein wollen. Zuverlässigkeit in der Begleitung von Kindern ist für die Orientierung zwar wichtig, aber sie muss nicht zu einem starren Korsett werden. Wenn du deinem Kind an einem Tag erlaubst, noch zehn Minuten länger fernzusehen, damit du in Ruhe telefonieren kannst, heißt das nicht, dass deine gesamte Konsequenz und Berechenbarkeit für immer dahin ist.
Dieser Beitrag erscheint im Fambliss Magazin.
