Familienalltag
Das Geländer, an dem ich mich festhalte
Ein Autist erklärt, warum Verlässlichkeit kein Komfort ist, sondern eine Grundlage
Dr. Peter Schmidt · 10. September 2026 · 7 Min. Lesezeit

Autistische Menschen nehmen die Kommunikation auf der Beziehungsebene kaum oder gar nicht wahr. Dadurch wirken sie auf andere Menschen sozial unbeholfen und fühlen sich unter Menschen unsicher. Sie empfinden den Umgang mit anderen Menschen als harte Arbeit.
Da autistische Menschen außerdem eine Vielzahl von Details wahrnehmen, bevor sie die Zusammenhänge im Ganzen erkennen, erscheint die Welt ihnen sehr chaotisch. Eine chaotisch empfundene Welt löst sehr viel Stress aus, der wiederum zu einer natürlichen Labilität im Verhalten führt. Zur Kompensation brauchen Autisten daher dringend Stabilität.
Das Geländer im Chaos
Vorhersehbarkeit liefert die notwendige Stabilität und den Halt, um die Welt zu strukturieren und so den Stress zu bewältigen. Autisten wollen selbst kontrollieren können, was mit ihnen geschieht. Aus diesem Grund ist jede Form der Fremdbestimmung problematisch für autistische Menschen! Diese muss, wenn sie denn nicht vermieden werden kann, unbedingt nachvollziehbaren Regeln folgen, die dann auch einzuhalten sind. Abweichungen können zu großen Schwierigkeiten führen.
Das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit ist bei Autisten deutlich stärker ausgeprägt als bei anderen Menschen. Autisten bestehen nicht selten auf für Außenstehende seltsam anmutende Rituale und Ordnungen.
Diese sind für sie wie ein lebensnotwendiges Geländer, auf das sie sich verlassen und an dem sie sich auf dem unübersichtlichen Weg durch das scheinbar chaotische Leben festhalten können und müssen.
Wenn das Geländer wegbricht
Wenn das Geländer wegbricht, droht, dass Autisten den Halt verlieren. Bei autistischen Kindern löst so eine Störung der Verlässlichkeit einen großen neurologischen Schmerz aus. Für sie bricht eine Welt zusammen. Panik und Frust breiten sich aus. Wie autistische Menschen darauf reagieren, ist sehr unterschiedlich – auch das gehört zu dem, was mit dem Spektrum gemeint ist.
Während die einen diese Krise überwinden und verarbeiten, indem sie sich vollständig in sich selbst zurückziehen, dadurch völlig unnahbar sind und so nach außen auch durch Handlungsblockaden auffallen, tragen andere ihre innerliche Verzweiflung nach außen. Sie werden offensiv wütend und lassen ihrem Gefühl freien Lauf. Dies ist ihre Art, aktiv um Hilfe zu rufen.
Dem Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit kommt bei autistischen Kindern damit eine besondere Bedeutung zu. Nur wenn es erfüllt wird, können sie ihre Zeit nutzen, um mit ihren Stärken zu wachsen und sich in das gesellschaftliche Leben einzubringen.
Makrorituale und Mikrorituale
Für die meisten Menschen gilt, dass alles seinen gewohnten Gang gehen muss. Eine typische Routine, die dem Zweck der Tageseröffnung dient, ist das Aufstehen um eine bestimmte Zeit, gefolgt vom Duschen, Zähneputzen, Anziehen, Kaffee kochen, Tisch decken, Zeitung holen, Radio anmachen, frühstücken, abdecken, losfahren um eine bestimmte Zeit. Dieser Ablauf liefert als Makroritual das Gefühl von Sicherheit und beruhigt. Wird dieser Ablaufplan jedoch gestört, können die meisten Menschen damit umgehen – bei einem autistischen Kind dagegen kann dies bis hin zur Funktionsunfähigkeit führen.
Makrorituale und Mikrorituale
Das Makroritual ist der große Ablauf: aufstehen, duschen, frühstücken, losfahren. Die Mikrorituale bestimmen den Ablauf der einzelnen Schritte im Detail.
- Was steht wo auf dem Tisch?
- Wer darf wann wie lange ins Bad?
- Welche T-Shirts und Hosen dürfen niemals gemeinsam getragen werden, weil sich das scharfkantig verletzend anfühlt?
Beide Ebenen tragen. Bricht eine davon, bricht der Halt.
Was hilft, wenn ein Detail nicht stimmt
Die Folgen eines nicht eingehaltenen Details einer Routine können verheerend sein. Es hilft dann nichts, zu sagen: „Stell dich nicht so an!" Denn diese Äußerung zeigt dem autistischen Kind nur, dass man seinen Schmerz nicht anerkennt und es damit nicht so akzeptiert, wie es ist und fühlt. Das wiederum verschlimmert die Situation.
Was in dem Moment wirklich hilft
1. Den Schmerz nicht kleinreden. „Stell dich nicht so an"
sagt dem Kind: Was du fühlst, zählt nicht.
2. Ruhe geben. Erst wenn es sich sammeln kann, ist es wieder ansprechbar.
3. Beim Wiederherstellen der Verlässlichkeit konstruktiv unterstützen – gemeinsam dorthin zurück, wo der Halt war.
Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit beziehen sich nicht nur auf Abläufe, sondern auch auf Regeln und Zustände. So ist es zum Beispiel wichtig, dass ich stets auf demselben oder „meinem" Platz sitzen kann. Das gilt sowohl daheim am Esstisch als auch auswärts, wie zum Beispiel in der Schule. Kein Ereignis ist geeignet, diesen Platz in Frage zu stellen. Nur so bleibt mein Stresslevel und damit die Gefahr unerwünschten Verhaltens niedrig bis null.
Dieser Beitrag erscheint im Fambliss Magazin.
